Sachstand zu Wiederkäuer-Transfettsäuren

Der Milchindustrie-Verband e. V. unterstreicht, dass die natürlichen Transfettsäuren, die während der Verdauung im Pansen von Wiederkäuern gebildet werden, in den durchschnittlich aufgenommen Verzehrsmengen gesundheitlich unbedenklich sind.
Eine Vielzahl von Staaten setzt dieses bereits in ihrem nationalen Recht um, wobei Maßnahmen zu Transfettsäuren (TFA) in Lebensmitteln auf die sog. industriellen TFA (i-TFA) begrenzt sind.

Der vorliegende Sachstand geht auf die Unterschiede, Aufnahmemengen und gesundheitlichen Wirkungen der natürlichen TFA ein. Auf Basis dessen wird erwartet, dass die EU-Kommission die natürlichen TFA bei einer TFA-Regelung explizit ausnimmt. Auch der Europäische Milchindustrieverband vertritt diese Position (EDA, 2018).

Wiederkäuer-Transfettsäuren unterscheiden sich von industriellen TFA

Frau Dr. Kuhnt und Herr Prof. Jahreis von der Friedrich-Schiller-Universität Jena
kommen in ihrer Stellungnahme (Jahreis, 2011) zusammenfassend zu dem Ergebnis, dass sich natürliche und industrielle Transfettsäuren deutlich unterscheiden, und zwar hinsichtlich

  • der Verteilung der einzelnen Trans-Verbindungen (Isomere)
  • der TFA-Konzentrationen im Fett und der aufgenommen Verzehrsmenge
  • der ernährungsphysiologischen Bewertung.

Wiederkäuer-TFA sind besonders

Natürliche Wiederkäuer-TFA (= ruminante TFA, r-TFA) werden bei der Verdauung im Pansen des Tieres gebildet und kommen in Produkten von Wiederkäuern, wie Milch und Fleisch, vor. Im Milchfett dominiert deutlich die Vaccensäure (t11). Der menschliche Körper kann aus dieser sogenannte konjugierte Linolsäuren (CLA) bilden. Außerdem ist der hohe CLA-Anteil (c9,t11) im Milchfett nach Kuhnt und Jahreis selbst mit protektiven Eigenschaften, wie anti-carcerogen, anti-atherogen und anti-allergen, assoziiert.

Gesundheitliche Bewertung von TFA durch die WHO

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2009) beurteilt die Aufnahme von industriellen TFA als gesundheitlich bedenklich wegen eines erhöhten Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Große Studien zeigen demgegenüber für die Aufnahme von r-TFA keinen eindeutigen negativen Effekt, teilweise wurden die r-TFA sogar als schützend (protektiv) bewertet. Die durchschnittliche Verzehrsmenge an Wiederkäuer-Transfettsäuren wird als gering eingestuft und ist damit gesundheitlich unbedenklich. Dieses bestätigt die WHO im Jahr 2013 (WHO, 2013).

Eine aktuelle Studie im Auftrag der WHO bewertet zusammenfassend, dass Transfettsäuren aus industriellen Quellen als statistisch signifikant erhöhend bei der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit und der Gesamtzahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirken. Die Aufnahme von ruminanten Transfettsäuren resultiert hingegen nicht in einem größeren Risiko (de Souza, 2015).

Wiederkäuer-TFA sind unbedenklich

Die Veröffentlichung von Herrn Prof. Jahreis, Herrn Degen und Frau Dr. Kuhnt zu TFA spricht sich ebenfalls für die Differenzierung der TFA in Abhängigkeit von der Quelle aus (Jahreis, 2015). Auch die Auswertung des Internationalen Milchwirtschaftsverbandes zeigt die Unterschiede zwischen i-TFA und r-TFA auf (IDF, 2014).

Die Ludwigshafen Risk and Cardiovascular Health Study (LURIC) fand heraus, dass Transfettsäuren aus natürlichem Ursprung mit einer niedrigeren Gesamt-Sterblichkeit, vor allem mit einem niedrigeren Risiko für den plötzlichen Herztod, assoziiert waren (Kleber, 2015).

Ungerechtfertigte Vereinfachung wird abgelehnt

Es gibt Studien, bei denen die Wirkung einer extrem hohen r-TFA-Aufnahme (5- bis 10-fache Menge) künstlich und unrealistisch geprüft wurde. Als Folge dieser, beim Verbraucher absolut nicht üblichen, Verzehrsmenge, veränderten sich Blutfettwerte negativ. Diese Menge wird in Deutschland nach aktuellen Berechnungen keinesfalls erreicht, worauf die Autoren Kuhnt und Jahreis (Jahreis, 2011) ausdrücklich hinweisen.

Aussagen, wonach „alle Transfettsäuren (industriell und tierisch) negativ zu bewerten seien und kein ernährungsphysiologischer Unterschied bestehen würde“, stellen eine ungerechtfertigte Vereinfachung der Sachlage dar.

Absolute Verzehrsmenge von Wiederkäuer-TFA gering

Es wird empfohlen, maximal 1 Energie% als TFA aufzunehmen. Als gesundheitlich bedenklich gelten TFA-Aufnahmen über 2 % der Nahrungsenergie.

Die aktuelle mittlere Aufnahme von TFA liegt bei 1,6 g/d (= 0,66 Energie%) in Deutschland. Hohe Aufnahmen betragen 3,52 – 5,34 g/d (= 1,14 – 1,46 Energie%), diese beruhen vor allem auf den verzehrten i-TFA. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zeigt, dass die übliche Verzehrsmenge an Wiederkäuer-Transfettsäuren kein Risiko für das kardiovaskuläre System darstellt, sie sind damit gesundheitlich unbedenklich (BfR, 2013).

Bundesregierung bestätigt MIV-Position

Die Bundesregierung betont (Deutscher Bundestag, Drucksache Nr. 17/5332 vom 01.04.2011), dass unerwünschte Einflüsse auf kardiovaskuläre Parameter nur in Interventionsstudien mit industriellen TFA gezeigt wurden. Der Verzehr von TFA aus Wiederkäuerfett liegt in Deutschland weit unterhalb der Mengen, für die unerwünschte Effekte auf kardiovaskuläre Risikoparameter nachgewiesen wurden. Der MIV begrüßt diese Klarstellung, wonach die übliche Aufnahme von ruminanten, also natürlichen, Transfettsäuren gesundheitlich kein Problem darstellt.

Die „Gemeinsame Initiative von BMEL und Lebensmittelwirtschaft zur Minimierung von TFA in Lebensmitteln“ betrifft nur die i-TFA, aber nicht die Wiederkäuer- und damit nicht die Milch-TFA. Dieses geht unter anderem klar aus der „Rahmenleitlinie zur weiteren Minimierung von nicht-ruminanten trans-Fettsäuren in Lebensmitteln“ und der Präambel hervor. Damit findet keine Gleichstellung von r TFA und i-TFA hinsichtlich der ernährungsphysiologischen Wirksamkeit statt.

TFA-Bericht der EU-Kommission will r-TFA nicht regulieren

Die EU-Kommission hat im Dezember 2015 ihren Bericht zu den Transfettsäuren veröffentlicht (EC, 2015). Die Einführung eines rechtlichen Höchstwertes für industrielle TFA ist aus Sicht der Kommission die effektivste Maßnahme hinsichtlich der Volksgesundheit, des Verbraucherschutzes und der Vereinbarkeit mit dem Binnenmarkt. Die detaillierte Umsetzung bedarf noch weiterer Abklärung. Die EU-Kommission plant dazu eine Anhörung und eine Folgenabschätzung. Auf Basis dessen soll dann eine politische Entscheidung getroffen werden.

Der Bericht unterstreicht, dass auf dem europäischen Markt Lebensmittel mit einem
hohen Gehalt an i-TFA verfügbar sind und dass die Gesundheit der Bevölkerung von einer verminderten Aufnahme profitierten würde. Die Reduktionbestrebungen von TFA sind auf industriell produzierte TFA ausgerichtet, weil der Anteil in solchen Fetten veränderbar ist und Alternativen verfügbar sind. Demgegenüber ist der Anteil von TFA in ruminantem Fett gering und relativ stabil.

Diskussion auf EU-Ebene

Am 4. April 2016 fand in der Ständigen Vertretung Ungarns bei der EU ein Seminar zur Reduzierung von Transfettsäuren in Lebensmitteln statt (Seminar, 2016). Alle Teilnehmer von EU-Parlament, WHO, Kommission, Herzverbänden und Industrie waren sich einig, dass eine Reduzierung von industriellen Transfettsäuren die einfachste und effizienteste Methode sei, um Herzkrankheiten und dadurch verursachte Todesfälle drastisch zu reduzieren.

Das Paradebeispiel dafür ist Dänemark, das im Jahr 2003 eine Begrenzung der industriellen Transfettsäuren auf 2 g/100 g Gesamtfett eingeführt hatte. Seitdem ist die Aufnahme von i-TFA ein Zehntel dessen, was sie früher war, und die Sterberate aufgrund Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist erheblich gesenkt worden. Die Reduzierung von i-TFA sei ein einfacher Weg, um die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern. Natürliche (ruminante) Transfettsäuren stehen hier nicht im Fokus.

Die Europäische Kommission hat im Oktober 2016 eine Roadmap (Fahrplan) zur Folgenabschätzung verschiedener Handlungsoptionen zur Regulierung der TFA-Gehalte in Lebensmitteln veröffentlicht (EC, 2016). Laut Fahrplan soll das Impact Assessment ausschließlich auf industrielle TFA abstellen, da ruminante TFA nur begrenzt eine Eintragsquelle bei der täglichen Energie-Aufnahme darstellen. Ruminante TFA kommen auf natürliche Art und Weise in solchen Lebensmitteln vor, die eine wichtige Rolle in der Ernährung spielen und nicht komplett vermieden werden können, so der Fahrplan.

Auch das Europäische Parlament spricht sich für eine iTFA-Obergrenze aus (EP, 2016).

Regelungen zur Begrenzung der i-TFA

Dem dänischen Beispiel der Limitierung von i-TFA in Lebensmitteln folgten bereits verschiedene Staaten (wie Österreich, Ungarn, Lettland, Norwegen, Litauen). Slowenien (TRIS 2017/493/SI) und Rumänien (TRIS 2017/0535/RO) notifizieren derzeit eine entsprechende Regelung, wobei tierische Fette und Lebensmittel mit natürlichen TFA-Gehalten ausgenommen sind.

Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA; behördliche Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelzulassungsbehörde) hat den teilweise gehärteten Ölen, als Hauptquelle für industrielle Transfettsäuren, ihre Zulassung aus Gründen der Volksgesundheit entzogen (FDA, 2015).

Zusammenfassend:

Transfettsäuren von Wiederkäuern sind nach aktuellem wissenschaftlichen Stand im Rahmen der üblichen Verzehrsgewohnheiten nicht zu beanstanden. Der MIV spricht sich daher dafür aus, dass r-TFA von der kommenden EU-Regulierung ausgenommen werden.

Tägliche Portion Milch ist essentiell

Da Milch als Grundnahrungsmittel im Rahmen einer ausgewogenen und abwechslungsreichen Ernährung der Prävention von ernährungsmitbedingten Krankheiten dient, gilt für den Verbraucher nach wie vor, dass die tägliche Portion Milch und Milchprodukte einen wichtigen Beitrag zu einer ausgewogenen Ernährung leistet (DGE-Ernährungsempfehlungen).

Quellen:

  • EDA, 2018: Trans Fatty Acids: Questions & Answers, European Dairy Association
  • Jahreis, 2011: Stellungnahme zu wiederkäuerspezifischen trans-Fettsäuren – trans-Fettsäuren natürlicher und industrieller Genese, Dr. Katrin Kuhnt und Prof. Dr. Gerhard Jahreis, 25.01.2011 (siehe Download unterhalb)
  • WHO, 2009: WHO Scientific Update on trans fatty acids: summary and conclusions, European Journal of Clinical Nutrition (2009) 63, S68-S75, Uauy R. et al.
  • WHO, 2013: The effectiveness of policies for reducing dietary trans fat: a systematic review of the evidence, Bull World Health Organ; 2013; 91:262-269H, Downs S. M. et al.
  • de Souza, 2015: Intake of saturated and trans unsaturated fatty acids and risk of all cause mortality, cardiovascular disease, and type 2 diabetes: systematic review and meta-analysis of observational studies, BMJ 2015 Aug 11; 351:h3978, de Souza R.J. et al.
  • Jahreis, 2015: Evaluation of the Impact of Ruminant trans Fatty Acids on Human Health: Important Aspects to Consider, Crit Rev Food Sci Nutr. 2015 Mar 6:0, Kuhnt K., Degen C., Jahreis G.
  • IDF, 2014: Trans fatty acids (TFA) to be differentiated into industrially produced TFAs and naturally present TFAs, IDF Factsheet – October 2014
  • Kleber, 2015: Trans fatty acids and mortality in patients referred for coronary angiography: the Ludwigshafen Risk and Cardiovascular Health Study, European Heart Journal 37(13) September 2015, M.E. Kleber M. E. et al.
  • BfR 2013: Bundesinstitut für Risikobewertung, Höhe der derzeitigen trans-Fettsäureaufnahme in Deutschland ist gesundheitlich unbedenklich, Stellungnahme 028/2013, 6. Juni 2013
  • Deutscher Bundestag, Drucksache 17/5332 vom 01.04.2011: Antwort der
    Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Kerstin Tack, Elvira
    Drobinski-Weiß, Dr. Wilhelm Priesmeier, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD zu Transfettsäuren in Lebensmitteln
  • EC, 2015, Bericht der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat über Transfettsäuren in Lebensmitteln und in der generellen Ernährung der Bevölkerung der Union, 12/2015, 3.12.2015
  • Seminar, 2016: „TFA reduction – a low hanging fruit to reap for securing better health“, Seminar zur Reduzierung von Transfettsäuren in Lebensmitteln, 04.04.2016, Brüssel, Ständige Vertretung Ungarns bei der EU
  • EC, 2016: Europäische Kommission, Roadmap Initiatives to limit industrial trans fats intakes in the EU, 11.10.2016
  • EP, 2016: Europäisches Parlament, Abgeordnete fordern Grenzwerte industrielle Transfettsäuren in Lebensmitteln, Pressemitteilung Plenartagung vom 26.10.2016
  • FDA, 2015: S. Food and Drug Administration, FDA Cuts Trans Fat in Processed Foods, FDA Consumer Health Information, 06/2015
  • DGE Ernährungsempfehlungen: Vollwertig essen und trinken nach den 10 Regeln der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung)
Quelle
Sachstand zu Wiederkäuer-Transfettsäuren 03.04.2018
Quelle
Stellungnahme zu wiederkäuerspezifischen trans-Fettsäuren - trans-Fettsäuren natürlicher und industrieller Genese, Dr. Katrin Kuhnt und Prof. Dr. Gerhard Jahreis, 25.01.2011

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